Referenzentscheidung: Cour de cassation • Nr. 72-13.319 • 7. November 1973 • Entscheidung einsehen →
Ein brandneues Gebäude mitten in Paris, übergeben mit Rissen, Feuchtigkeitsschäden und Materialfehlern. Die Wohnungseigentümergemeinschaft (WEG) wendet sich an den Bauunternehmer, um Schadensersatz zu erhalten. Logisch. Doch als dieser seinen Versicherer zu Hilfe ruft, fällt die Antwort schonungslos aus: Kein Versicherungsschutz. Schuld ist eine Klausel im Kleingedruckten des Vertrags. Die Geschichte erscheint banal, und doch reicht sie bis ins Jahr 1973 zurück und ist noch heute hochaktuell. Was ist geschehen? Hat die Cour de cassation diese Verweigerung der Deckung bestätigt? Und welche Lehren können Sie als Eigentümer, Mieter oder Verwalter daraus ziehen?
Hinter dieser Angelegenheit offenbart sich der Mechanismus der Bauversicherung (assurance construction), der oft unbekannt bleibt, bis der Tag kommt, an dem ein Schadensfall eintritt. Wer ist gedeckt, für welche Schäden und zu welchem Zeitpunkt? All diese Fragen tauchen abrupt auf, wenn man feststellt, dass die ausgeführten Arbeiten nicht halten, was sie versprochen haben. Die Antwort des obersten Gerichts ist unmissverständlich: Der Versicherer schuldet nur das, was der Vertrag vorsieht, nichts mehr.
Das Urteil vom 7. November 1973 stellt, obwohl älteren Datums, einen glasklaren Grundsatz auf: Der Richter darf den Willen der Parteien nicht verfälschen. Wenn die Versicherungspolice die Deckung auf Arbeiten beschränkt, die ohne Vorbehalte abgenommen wurden, kann der Bauunternehmer nicht auf eine Entschädigung für Schäden hoffen, die vor dieser formellen Annahme eingetreten sind. Eine vertragliche Logik, die fünfzig Jahre später weiterhin die Beziehungen zwischen Bauherren, Unternehmern und Versicherern regelt. Analyse.
Die Fakten: Eine Geschichte, wie sie jeden Tag geschieht
Alles beginnt in der Hauptstadt. Ein Bauträger lässt eine Wohnanlage mit dem Namen « Le Milan » errichten, die dem Regime des Wohnungseigentums unterliegt (Gesetz vom 10. Juli 1965). Die mit dem Rohbau beauftragte Gesellschaft, ein genossenschaftliches Generalbauunternehmen, wird mit der Bauausführung betraut. Rasch treten Mängel auf: Schlechtausführungen beeinträchtigen das Bauwerk, so schwerwiegend, dass die Wohnungseigentümergemeinschaft (WEG), vertreten durch ihren Verwalter, eine Klage einreicht.
Das Gericht verurteilt den Unternehmer zur Ausführung der erforderlichen Reparaturarbeiten. Dieser, darauf bedacht, die finanzielle Last dieser Verurteilung nicht allein zu tragen, wendet sich gegen seinen Versicherer. Er ist der Ansicht, dass die abgeschlossene Police die finanziellen Folgen der Schlechtausführungen decken müsse. Dennoch verweigert der Versicherer seine Deckung. Der Rechtsstreit landet daraufhin vor dem Berufungsgericht (cour d'appel), das zugunsten des Versicherers entscheidet. Der Unternehmer, von einem Rechtsirrtum überzeugt, legt Kassationsbeschwerde (pourvoi en cassation) ein.
Was wirft er dem Urteil vor? Zunächst einen inneren Widerspruch: Das Berufungsgericht hätte anerkannt, dass die Arbeiten ausgeführt wurden, während es dem Unternehmen gleichzeitig « normale » Abzüge für derartige Bauwerke anrechnete. Sodann macht er geltend, dass die Mängel ihm nicht zuzurechnen sind, sondern auf dem Material innewohnende Phänomene zurückgehen. Doch der Kern der Auseinandersetzung liegt woanders: bei der Auslegung des Versicherungsvertrags. Die Richter müssen bestimmen, ob die Police diese Art von Schadensfall abdeckt und vor allem, zu welchem Zeitpunkt der Versicherungsschutz wirksam wird.
Die Antwort findet sich in den Klauseln der Police. Vor der Abnahme deckt der Versicherer nur die materiellen Schäden, die auf einen totalen oder teilweisen Einsturz des Bauwerks zurückzuführen sind. Und für Mängel, die unter die zehnjährige Gewährleistungspflicht (responsabilité décennale) fallen — jene, die den Bauunternehmer zehn Jahre nach der Abnahme belastet, Artikel 1792 des Code civil —, muss die Abnahme zudem ohne jeglichen Vorbehalt erfolgt sein. Nun stellt aber das Berufungsgericht im vorliegenden Fall ausdrücklich das Bestehen von Vorbehalten bei der vorläufigen Abnahme fest. Daher greift der Vertrag nicht.
Die Begründung des Gerichts — seziert
Die Cour de cassation weist die Kassationsbeschwerde zurück. Ihre nüchterne Begründung konzentriert sich auf das Wesentliche: Das Berufungsgericht hat lediglich die klaren Bestimmungen der Police angewandt. Es stellt fest, dass der Versicherer die finanziellen Folgen der zehnjährigen Gewährleistungspflicht nur für Arbeiten deckt, die Gegenstand einer Abnahme ohne Vorbehalt waren. Diese Feststellung genügt, um den Deckungsanspruch zurückzuweisen. Keine Verfälschung des Vertrags, kein Widerspruch: Das Tatsachengericht hat den von den Parteien vereinbarten Bestimmungen schlicht Geltung verschafft.
Um die Tragweite des Urteils richtig zu erfassen, muss in Erinnerung gerufen werden, was die Abnahme im Baurecht bedeutet. Es handelt sich um den Akt, mit dem der Bauherr das Bauwerk mit oder ohne Vorbehalte annimmt (Artikel 1792-6 des Code civil). Ohne Abnahme besteht für den Bauunternehmer zwar eine Erfolgshaftung, doch ist die zehnjährige Gewährleistung noch nicht ausgelöst. Werden Vorbehalte geäußert, bedeutet dies, dass das Bauwerk nicht als konform oder frei von Mängeln angesehen wird. In diesem Fall kann die für die Zeit nach der Abnahme vorgesehene Versicherungsdeckung zu Recht ausgeschlossen werden, wie es das Gericht hier tut.
Die Handelskammer (chambre commerciale) — seinerzeit für diese Art von Rechtsstreitigkeiten zuständig — fügt sich in eine ständige Rechtsprechung ein: Die Haftpflichtversicherung ist ein frei ausgehandelter Privatrechtsvertrag. Der Versicherer schuldet nur das, was ausdrücklich vorgesehen ist. Nicht mehr und nicht weniger. Der Richter kann nicht von Amts wegen eine Deckung gewähren, die die Police ausschließt. Im vorliegenden Fall berief sich der Unternehmer auf einen Mangel, der vor der Abnahme auftrat und keinen Einsturz darstellte. Er befand sich somit außerhalb des vertraglichen Geltungsbereichs. Wäre die Lösung mit einer weiter gefassten Police anders ausgefallen? Gewiss. Aber darum ging es nicht.
Warum weist das hohe Gericht das Argument des Bauunternehmers zum Widerspruch der Entscheidungsgründe zurück? Weil die bloße Tatsache, dass die Arbeiten ausgeführt wurden, nicht

