Referenzentscheidung: cc • Nr. 88-43.934 • 1991-10-30 • Entscheidung einsehen →
Sie sind Angestellte einer Immobilienagentur in Castelsarrasin, haben gerade ein Kind bekommen und möchten einen dreimonatigen Stillurlaub nehmen, wie es Ihr Tarifvertrag vorsieht. Ihr Arbeitgeber sagt Ihnen, diesen Urlaub gebe es nicht, es handle sich in Wirklichkeit um Elternzeit, und er könne ihn ablehnen. Was tun? Diese Situation, die eine Angestellte einer Immobilienagentur im Département Tarn-et-Garonne erlebt hat, führte 1991 zu einer Entscheidung des Kassationsgerichtshofs. Die Frage ist einfach: Kann ein Arbeitgeber einen tariflichen Urlaub ablehnen, den er für identisch mit dem gesetzlichen Urlaub hält? Die Antwort lautet nein, und diese Entscheidung schützt die Arbeitnehmerinnen.
Der Sachverhalt: eine alltägliche Geschichte
Frau X ist als Immobilienmaklerin in einer Agentur in Montauban angestellt. Sie bringt im März 1985 ein Kind zur Welt und nimmt den gesetzlichen Mutterschaftsurlaub. Am 10. Juni 1985 teilt sie ihrem Arbeitgeber mit, dass sie ab dem 12. August 1985 einen dreimonatigen Stillurlaub gemäß Artikel 22 b des nationalen Tarifvertrags für Personal von Immobilienmaklern und Verkaufsagenten von Geschäften nehmen möchte, gefolgt von einer zwölfmonatigen Elternzeit. Der Arbeitgeber lehnt ab, da er der Ansicht ist, der Stillurlaub sei nur ein Teil der gesetzlichen Elternzeit und er könne ihn daher ablehnen. Frau X ruft das Arbeitsgericht an, um ihr Recht durchzusetzen. Das Arbeitsgericht gibt ihr recht, aber der Arbeitgeber legt Berufung ein. Das Berufungsgericht bestätigt das Urteil. Der Arbeitgeber legt daraufhin Kassation ein. Der Kassationsgerichtshof weist die Kassation mit Urteil vom 30. Oktober 1991 zurück und bestätigt das Recht der Arbeitnehmerin auf den tariflichen Stillurlaub.
Die Argumentation des Gerichts – aufgeschlüsselt
Es war die Frage zu klären, ob der im Tarifvertrag vorgesehene Stillurlaub derselben Art ist wie die gesetzliche Elternzeit nach Artikel L. 122-28-1 des Arbeitsgesetzbuchs (heute L. 1225-47). Der Kassationsgerichtshof unterschied die beiden. Der tarifliche Stillurlaub ist ein spezifischer Mutterschaftsurlaub, der günstiger ist als der gesetzliche Mutterschaftsurlaub. Er ermöglicht es der Arbeitnehmerin, sich drei Monate zum Stillen ihres Kindes freizunehmen, mit einer Wiedereinstellungsgarantie. Kurz gesagt, es handelt sich nicht um Elternzeit, sondern um einen durch den Tarifvertrag verbesserten Mutterschaftsurlaub. Tarifverträge können aber günstigere Regelungen als das Gesetz vorsehen. Der Arbeitgeber kann sich daher nicht widersetzen. Mit anderen Worten: Auch wenn die Elternzeit ein Recht des Arbeitnehmers ist, kann der Arbeitgeber sie in bestimmten Fällen ablehnen (z. B. wenn die Abwesenheit das Unternehmen beeinträchtigt). Beim tariflichen Stillurlaub hat der Arbeitgeber dieses Ablehnungsrecht jedoch nicht. Achtung jedoch: Dieser Urlaub ist kein absolutes Recht; er unterliegt den Bedingungen des Tarifvertrags, insbesondere der Dauer und der vorherigen Beantragung. In unserem Fall hatte die Arbeitnehmerin diese Bedingungen eingehalten. Das Gericht wies die Kassation des Arbeitgebers daher folgerichtig zurück.
Was das für Sie konkret bedeutet
Wenn Sie Angestellte einer Immobilienagentur sind, die unter diesen Tarifvertrag fällt, haben Sie Anspruch auf einen dreimonatigen Stillurlaub, der von der Elternzeit getrennt ist. Ihr Arbeitgeber kann ihn Ihnen nicht verweigern, indem er vorgibt, es handle sich um Elternzeit. In der Praxis müssen Sie den Urlaub schriftlich beantragen und eine Vorankündigungsfrist (oft einen Monat) einhalten. Wenn Sie beispielsweise im Januar entbinden, können Sie ab April Stillurlaub beantragen. Während dieses Urlaubs ist Ihr Arbeitsvertrag ausgesetzt, aber Sie werden danach wieder eingestellt. Wenn Ihr Arbeitgeber ablehnt, können Sie das Arbeitsgericht anrufen, um Schadensersatz zu erhalten. In meiner Praxis bin ich auf Fälle gestoßen, in denen der Arbeitgeber versuchte, die Arbeitnehmerin mit organisatorischen Zwängen abzuschrecken. Aber die Rechtsprechung ist klar: Das tarifliche Recht hat Vorrang. Was nur wenige wissen: Dieser Urlaub kann mit anderen Urlauben wie der Elternzeit kombiniert werden, sofern die Höchstdauern eingehalten werden. Achtung jedoch: Wenn Sie in einer anderen Branche arbeiten, prüfen Sie Ihren Tarifvertrag, denn ähnliche Regelungen existieren manchmal.
Vier Tipps zur Vermeidung solcher Streitigkeiten
- Prüfen Sie Ihren Tarifvertrag: Schlagen Sie die Artikel zu Mutterschafts- und Elternzeit nach. Der Stillurlaub kann dort unter einem anderen Namen (tariflicher Mutterschaftsurlaub) aufgeführt sein.
- Stellen Sie einen schriftlichen Antrag: Senden Sie ein Einschreiben mit Rückschein an Ihren Arbeitgeber, in dem Sie die Daten und die tarifliche Grundlage angeben. Bewahren Sie eine Kopie auf.
- Halten Sie Fristen ein: Der Tarifvertrag sieht oft eine Vorankündigungsfrist von einem Monat vor Beginn des Urlaubs vor. Zögern Sie nicht, Ihren Arbeitgeber rechtzeitig zu informieren.
- Geben Sie bei Ablehnung nicht nach: Rufen Sie schnell das Arbeitsgericht an (Verjährungsfrist von 2 Jahren für die Vertragsdurchführung). Ein Anwalt kann Ihnen helfen, eine Entschädigung zu erhalten.

