Referenzentscheidung: cc • N° 23-83.180 • 2024-05-22 • Entscheidung einsehen →
Stellen Sie sich vor: Sie sind Eigentümer eines Grundstücks in Hendaye, in der Nähe des Strandes. Ein Bauträger kauft das benachbarte Grundstück, baut einen Campingplatz, der auf Ihr Grundstück übergreift. Sie erstatten Anzeige. Aber in der Zwischenzeit ist die Gesellschaft, die den Campingplatz betrieben hat, mit einer anderen fusioniert, und die übernommene Gesellschaft ist verschwunden. Wer ist verantwortlich? Wie weit kann man verfolgen? Diese Frage stellen sich viele, und die Antwort hat gerade einen großen Schritt nach vorne gemacht.
Der Kassationshof hat in einem Urteil vom 22. Mai 2024 (Nr. 23-83.180) klargestellt, dass die übernehmende Gesellschaft strafrechtlich für Straftaten verurteilt werden kann, die von der übernommenen Gesellschaft vor der Fusion begangen wurden, selbst wenn es sich um eine SARL (Gesellschaft mit beschränkter Haftung) handelt. Bislang war diese Frage nur für Aktiengesellschaften entschieden. Nun ist das Recht klar: Die Fusion-Übernahme löscht die strafrechtliche Verantwortlichkeit nicht aus.
Was ändert das konkret für Sie als Eigentümer, Mieter oder Immobilienfachmann? Tauchen wir ein in diese Entscheidung, ihre Fakten, ihre Begründung und ihre praktischen Auswirkungen.
Der Sachverhalt: eine Geschichte, wie sie täglich vorkommt
Der Fall beginnt in den Pyrénées-Atlantiques, nicht weit von Orthez entfernt. Eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung (SARL) betrieb einen Campingplatz auf mehreren Parzellen, von denen einige ihr gehörten und andere gepachtet waren. Problem: Der Campingplatz hatte sich ohne Genehmigung auf eine benachbarte Parzelle, die Parzelle BW 7, Eigentum von Frau N. V. und Frau P. Y., ausgedehnt. Diese verklagten die SARL auf Wiederherstellung des ursprünglichen Zustands und Schadensersatz.
Doch zwischen Beginn des Rechtsstreits und dem Urteil fusionierte die SARL mit einer anderen Gesellschaft, der übernehmenden Gesellschaft. Es stellte sich die Frage: Wer muss für die Ordnungswidrigkeit der unrechtmäßigen Ausdehnung des Campingplatzes einstehen? Die übernommene Gesellschaft existiert nicht mehr, aber kann die übernehmende Gesellschaft an ihrer Stelle verfolgt werden?
Die Eigentümer hatten in der Berufung Erfolg: Das Berufungsgericht verurteilte die übernehmende Gesellschaft zur Wiederherstellung der Parzellen BW 6 und BW 7 und zur Zahlung von Schadensersatz. Die übernehmende Gesellschaft legte Kassation ein mit der Begründung, dass die strafrechtliche Verantwortlichkeit bei einer Fusion-Übernahme einer SARL nicht automatisch übergehe. Der Kassationshof wies die Beschwerde jedoch zurück und bestätigte, dass die bereits für Aktiengesellschaften geltende Lösung nun auch auf SARL ausgedehnt wird.
Die Begründung des Gerichts – analysiert
Der Kern der Debatte ist folgender: Kann eine übernehmende Gesellschaft strafrechtlich für Straftaten verurteilt werden, die von der übernommenen Gesellschaft vor der Fusion begangen wurden? Der Kassationshof antwortet mit Ja, gestützt auf eine frühere Rechtsprechung (Crim., 25. November 2020, Nr. 18-86.955), die diesen Grundsatz bereits für Aktiengesellschaften aufgestellt hatte. Artikel 1240 des Code civil (der zur Wiedergutmachung des durch eigenes Verschulden verursachten Schadens verpflichtet) ist hier nicht direkt einschlägig, da es sich um strafrechtliche Verantwortlichkeit handelt, aber die Begründung stützt sich auf die Idee, dass die übernehmende Gesellschaft der Universalsukzessor der übernommenen Gesellschaft ist.
Bei der Fusion-Übernahme erfolgt eine Übertragung des gesamten Vermögens, einschließlich der Schulden und Verbindlichkeiten. Das Gericht ist der Ansicht, dass diese Übertragung auch für strafrechtliche Verpflichtungen gilt, im Rahmen der Strafen von Geldstrafe und Einziehung (natürlich keine Freiheitsstrafe, da eine juristische Person nicht inhaftiert werden kann).
Vorsicht jedoch: Die übernehmende Gesellschaft kann alle Verteidigungsmittel geltend machen, die die übernommene Gesellschaft hätte vorbringen können. Wenn die Straftat zum Zeitpunkt der Fusion beispielsweise verjährt war, kann sich die übernehmende Gesellschaft darauf berufen. In diesem Fall hatte das Berufungsgericht gerade geprüft, dass die Straftat nicht verjährt war, was vom Kassationshof bestätigt wurde.
Wichtig ist, dass diese Entscheidung für Fusion-Übernahmen gilt, die nach dem 25. November 2020, dem Datum des grundlegenden Urteils, abgeschlossen wurden. Für frühere Vorgänge bleibt die Frage offen, aber der Trend geht eindeutig zur Ausweitung der Verantwortlichkeit.
Zusammenfassend haben die Richter eine logische Entwicklung bestätigt: Die strafrechtliche Verantwortlichkeit folgt dem Vermögen, und Gesellschaften können sich ihren Verpflichtungen nicht durch Fusion entziehen.
Was das für Sie konkret ändert
Diese Entscheidung hat erhebliche praktische Auswirkungen für mehrere Personengruppen.
Für vermietende Eigentümer: Wenn Sie Opfer einer Straftat sind (z. B. ein gewerblicher Mieter, der auf Ihr Grundstück übergreift) und die mietende Gesellschaft mit einer anderen fusioniert, können Sie nun die übernehmende Gesellschaft verfolgen. In Orthez beispielsweise kann ein Eigentümer einer Gewerbeimmobilie, dessen Mieter illegale Arbeiten durchgeführt hat, die übernehmende Gesellschaft belangen, wenn der Mieter fusioniert hat. Die Verjährungsfristen bleiben gleich (3 Jahre für Ordnungswidrigkeiten, 6 Jahre für Vergehen), aber Sie verlieren Ihre Rechte nicht durch die Fusion.
Für Bauträger und Geschäftsführer von SARL: Sie müssen bei einer Fusion-Übernahme äußerst wachsam sein. Prüfen Sie vor Abschluss sorgfältig die Passiva der übernommenen Gesellschaft, einschließlich möglicher Straftaten. Wenn die übernommene Gesellschaft beispielsweise ohne Genehmigung gebaut hat, kann die übernehmende Gesellschaft zum Abriss und zur Zahlung von Geldstrafen verurteilt werden. Die Kosten können erheblich sein: Stellen Sie sich eine Geldstrafe von 100.000 € und Wiederherstellungskosten von 50.000 € vor. Es ist besser, im Fusionsvertrag eine Passivgarantie vorzusehen.
Für Mieter

