Entscheidungsreferenz : cc • N° 86-12.478 • 1988-03-15 • Entscheidung einsehen →
Sie sind Eigentümer eines Lagers in Comines, und Ihr Mieter, eine Getreidehandelsgesellschaft, weigert sich, Ihnen die Mieten zu zahlen, und beruft sich auf eine Streitigkeit über monetäre Ausgleichsbeträge. Sie fragen sich: Kann ein Schiedsrichter frei über die Zuteilung dieser Beträge entscheiden, selbst wenn dies gegen eine ministerielle Verordnung verstößt? Die Antwort lautet nein, wie der Kassationshof 1988 entschieden hat. Diese wenig bekannte Entscheidung ist dennoch entscheidend für alle, die Verträge mit internationalen Schiedsklauseln abschließen: Die Regeln der wirtschaftlichen öffentlichen Ordnung haben Vorrang vor der Vertragsfreiheit und sogar vor dem Schiedsspruch.
Der Sachverhalt: eine alltägliche Geschichte
In Straßburg importierte die Société des Grands Moulins Getreide und erhielt aufgrund einer ministeriellen Verordnung vom 14. Juni 1982 monetäre Ausgleichsbeträge (MCM) in Höhe von 90,30 Francs pro Tonne. Diese MCM dienten dem Preisausgleich zwischen importierten und inländischen Produkten. Vertraglich hatte die Gesellschaft mit einem Geschäftspartner vereinbart, diese Beträge auf eine bestimmte Weise zu verteilen. Es entstand ein Streit: Der Partner war der Ansicht, die vertragliche Verteilung sei nicht eingehalten worden. Die Parteien riefen ein Schiedsgericht an. Die Schiedsrichter, die als amiable compositeur entschieden, erließen einen Schiedsspruch, der die Zuteilung der MCM, wie in der ministeriellen Verordnung vorgesehen, änderte. Die obsiegende Partei beantragte die Exequatur (Vollstreckbarerklärung des Schiedsspruchs in Frankreich) vor dem Tribunal de grande instance de Paris. Die Staatsanwaltschaft widersetzte sich jedoch mit der Begründung, der Spruch verstoße gegen die internationale öffentliche Ordnung. Das Berufungsgericht Paris gab der Staatsanwaltschaft recht, und die Société des Grands Moulins legte Kassation ein.
Die Begründung des Gerichts – aufgeschlüsselt
Der Kassationshof musste eine präzise Frage beantworten: Kann ein Schiedsspruch, der gegen zwingende Regeln einer ministeriellen Verordnung verstößt, in Frankreich anerkannt werden? Die Richter am Quai de l'Horloge wandten Artikel 1502, 5° der neuen Zivilprozessordnung (heute Artikel 1520, 5° der Zivilprozessordnung) an, der die Versagung der Exequatur erlaubt, wenn die Anerkennung oder Vollstreckung des Schiedsspruchs gegen die internationale öffentliche Ordnung verstößt. Was ist nun die internationale öffentliche Ordnung? Es handelt sich um eine Reihe grundlegender Prinzipien, die Frankreich als unantastbar betrachtet, selbst in internationalen Beziehungen. Im vorliegenden Fall beschränkte sich die Verordnung vom 14. Juni 1982 nicht darauf, Margen festzulegen: Sie regelte zwingend die Zuteilung der Ausgleichsbeträge, um ein wirtschaftliches Gleichgewicht zu wahren. Indem der Schiedsspruch diese Zuteilung änderte, verletzte er eine Regel der wirtschaftlichen öffentlichen Ordnung. Der Kassationshof bestätigte daher das Berufungsurteil: Die Exequatur wurde versagt. Dies ist eine Bestätigung der früheren Rechtsprechung: Die internationale öffentliche Ordnung ist nicht nur politisch oder moralisch, sondern auch wirtschaftlich.
Was das für Sie konkret ändert
Wenn Sie ein Importeur in Croix sind, mit einem ausländischen Lieferanten eine Schiedsvereinbarung (Schiedsklausel) abgeschlossen haben und der Schiedsrichter einen Spruch fällt, der gegen eine Zollverordnung oder eine Preisverordnung verstößt, schützt Sie diese Entscheidung: Sie können der Vollstreckung des Schiedsspruchs in Frankreich widersprechen. Für den vermietenden Eigentümer in Comines: Wenn Ihr Mieter aufgrund eines Schiedsspruchs, der gegen eine zwingende Regel (z. B. eine Mietpreisbegrenzung) verstößt, Zahlungen von Ihnen fordert, können Sie sich auf die internationale öffentliche Ordnung berufen, um die Vollstreckung zu blockieren. Beispiel: Angenommen, Ihr Mieter schuldet Ihnen 10.000 € an ausstehenden Mieten, aber ein Schiedsspruch spricht ihm eine Entschädigung von 15.000 € für MCM zu, unter Verstoß gegen die Verordnung. Dank dieser Entscheidung können Sie die Exequatur des Schiedsspruchs verweigern, und der Mieter kann nicht auf Ihre Bankkonten zugreifen.
Vier Tipps zur Vermeidung solcher Streitigkeiten
- Überprüfen Sie die Konformität Ihrer Schiedsklauseln mit zwingenden französischen Regeln: Lassen Sie die Schiedsklausel vor Abschluss eines internationalen Vertrags von einem Anwalt prüfen, um sicherzustellen, dass sie keine Anwendung vorsieht, die gegen die wirtschaftliche öffentliche Ordnung verstoßen könnte (z. B. Preisgestaltung entgegen einer Verordnung).
- Wählen Sie Frankreich als Sitz des Schiedsverfahrens: Findet das Schiedsverfahren in Frankreich statt, sind die Schiedsrichter verpflichtet, die französische internationale öffentliche Ordnung zu beachten. Dies bietet Ihnen zusätzliche Sicherheit.
- Widersprechen Sie der Exequatur rechtzeitig: Wenn ein Schiedsspruch für Sie nachteilig ist, haben Sie ab Zustellung des Schiedsspruchs einen Monat Zeit, um einen Aufhebungsantrag oder einen Widerspruch gegen die Exequatur einzulegen. Zögern Sie nicht.
- Dokumentieren Sie die Existenz der zwingenden Regel: Bewahren Sie eine Kopie der Verordnung, des Dekrets oder des Gesetzes auf, gegen das der Schiedsspruch verstoßen würde. Dies erleichtert den Nachweis des Verstoßes gegen die internationale öffentliche Ordnung.
Vertiefung: einschlägige Rechtsprechung und Entwicklungen
Diese Entscheidung von 1988 reiht sich in eine schützende Linie der wirtschaftlichen öffentlichen Ordnung ein. Zu nennen ist das Urteil Thales (Cass. civ. 1ère, 2000), das daran erinnerte, dass der Verstoß gegen die internationale öffentliche Ordnung zum Zeitpunkt der Anerkennung des Schiedsspruchs zu beurteilen ist. In jüngerer Zeit bestätigte der Kassationshof diesen Ansatz im Urteil Société des Ciments (2017), indem er einen Schiedsspruch aufhob, der gegen eine Regelung über wirtschaftliche Konzentrationen verstieß. Der Trend ist klar: Die französischen Richter dulden nicht, dass die internationale öffentliche Ordnung durch Schiedssprüche umgangen wird, die gegen grundlegende wirtschaftliche Regeln verstoßen.

